Anne-Marie die Schönheit
Reza– Mooshammer

Anne-Marie Mille, eine alternde Schauspielerin, ist zum vielleicht ersten Mal zu einem Interview gebeten – um Auskunft zu geben über ihre berühmte, verstorbene Kollegin. Sie berichtet von einer tristen Jugend in der französischen Provinz, von kindlicher Bewunderung der Schauspieler und Schauspielerinnen ihrer Heimatstadt und dem Glück, selber an ein Pariser Vorstadttheater engagiert zu werden: „Auf der Bühne war ich manchmal Anne-Marie die Schönheit“. Hier war sie glücklich, doch der große Erfolg blieb aus. Ganz anders lief es bei ihrer bewunderten und heimlich beneideten Kollegin und – vielleicht – Freundin Giselle, genannt Gigi, die sich immerhin auf die Posen und den Männerverschleiß einer echten Diva verstand. Indes langweilt sich Anne-Marie mit ihrem Ehemann, der gemeinsame Sohn geht ihr auf die Nerven. Doch Anne-Marie hat Gigi und die meisten ihrer Weggefährten überlebt.

Und ein Lebensrückblick ist dieser sowohl anrührende als auch komische Monolog, im dem Yasmina Reza ihre große Stärke ausspielt: kluge, fast mitleidlose Beobachtung, gepaart mit Empathie und einem zärtlichen Blick für die Sehnsüchte und Unvollkommenheiten ihrer Figuren. Anne-Marie hat sowohl knallharte als auch nostalgisch verträumte Seiten. Diese Actrice aus der dritten Reihe sieht Alter und Vergänglichkeit mit kühlem Realismus. Blickt sie jedoch auf ihre Anfänge bei einer Provinzklitsche zurück, so verklärt sie deren Mitglieder zu schieren Halbgöttern. Kein Wunder, war das Theater doch eine Gegenwelt zu der repressiven, freundlosen Familie der jungen Frau. Bühnenglamour und kleinbürgerlicher Alltag, pralles Leben und Ennui - Anne-Marie ist eine kleine Große ihrer Kunst.

Yasmina Reza zeichnet mit ihrem wehmütigen und skurrilen Monolog das grazile Porträt einer alternden Frau. Ein Rückblick auf ein Leben zwischen Bühne und Wirklichkeit, Wunschdenken und Realität, Illusion und Depression. Die Uraufführung fand 2020 am Théâtre de La Colline National Paris, in der Inszenierung von Yasmina Reza mit André Marcon in der Titelrolle statt. Hierzu sagte Reza: "Beim Schreiben von 'Anne-Marie die Schönheit' dachte ich an den französischen Schauspieler André Marcon. Anne-Marie ist eine Frau, aber aus Gründen der Distanz und Allgemeingültigkeit wünsche ich, dass diese Figur von einem Mann interpretiert wird."

Helmut Mooshammer verkörperte Anne-Marie am Deutschen Theater Berlin in vielen Vorstellungen mit Humor, Zartheit und Tiefe. „Was für ein fantastisches Schauspiel!“ (Oberösterreichische Nachrichten)

Anne-Marie die Schönheit

von Yasmina Reza 

Deutsch von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel (Originaltitel: Anne-Marie la Beauté)

Deutsches Theater Berlin / Weiterspielen Productions


Mit  Helmut Mooshammer


Regie Friederike Drews Bühne Ev Benzing Kostüme Henrike Huppertsberg Dramaturgie Adrian Linz, David Heiligers Foto © Arno Declair


Aufführungsdauer: 75 Minuten, keine Pause

Aufführungsrechte: Felix Bloch Erben / Theaterverlag Desch


Premiere am 1. April 2023 im Deutschen Theater Berlin (Statistengarderobe, Übernahme in die Kammerspiele)


Pressestimmen

Wohl nirgends wird das Stück so minimalistisch und intim gespielt wie in dieser Inszenierung von Friederike Drews am DT. Mooshammer braucht nur den Kaffeebecher, an dem er sich festhält, und die Garderobenschränke […] und sucht den Blickkontakt zu den Zuschauern, die direkt vor ihm sitzen.

Das Kulturblog


Mooshammer gibt der Figur Tiefe und Substanz, skurrile Brechungen und eine changierende Charakterzeichnung. 

Theater pur


Ein kleiner Raum, man sitzt nah am Geschehen und kann das schauspielerische Handwerk bewundern. […] Beeindruckend, wie er sich verwandelt, mit ganz, ganz wenigen Dingen

rbb Kulturradio

Helmut Mooshammer kreiert […] alles andere als eine durchschnittliche Schauspiel-Begegnung. Mit Blicken, die absichtslos ins Leere starren und präzisen Gesten zeichnet der sprachlich geschliffene Mooshammer die Figur der in die Jahre gekommenen und über ihr Leben in aufpolierten Farben räsonierenden Schauspielerin Anne-Marie Mille. […] … das Drama eines nicht nur kniemaroden, sondern vom Schicksal verwundeten Menschen. […] Ein Tisch, ein Sessel, eine Bank – mehr braucht Helmut Mooshammer für diesen großen Abend nicht. In dunkelrotem Pullover und kariertem, knielangem Rock zupft er verstohlen an sich herum, um dieses und jenes zu kaschieren. „Als ich die Waage gekauft hatte, kam ich an dem Stand mit den Trüffelpralinen vorbei.“ Es sind Sätze wie diese, die Mooshammer zärtlich und ohne Getue die Bühne ausfüllend über die Rampe hebt, als seien sie ihm gerade in den Sinn gekommen. Die Selbstreflexion einer fehlbesetzten Lebensrolle erfährt dadurch berührende Leichtigkeit. Unzählige Bravo-Rufe, donnernder Applaus. Fazit: Was für ein fantastisches Schauspiel!

Oberösterreichische Nachrichten

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