Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden
Berg Nübling – Gubareva, Liesau, Popov, Riemann

Vier Frauen teilen sich die Rolle: sie verschwinden aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Im preisgekrönten Stück von Sibylle Berg (Stück des Jahres 2021 in der Theater heute-Umfrage) stellen sie sarkastische Fragen wie: „Hat uns – bitte schön – irgendjemand auf diese Kränkung vorbereitet? Dass wir plötzlich unwichtig werden? Unsichtbar, auch wenn wir uns an die Regeln halten? Die es für Frauen gibt.“ Die Inszenierung lief sechs Jahre ausverkauft am Berliner Gorki Theater. Aus einem Bademantel-Chor treten „machtvolle wie unverwechselbare Einzelspielerinnen“ (nachtkritik) hervor. Sie werden gehört, und wie!

„Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“ ist der vierte und letzte Teil einer Saga, die die bekannte Roman- und Theaterautorin Sibylle Berg für das Gorki Theater Berlin geschrieben hat. Wie schon bei den Uraufführungen arbeitet Regisseur Sebastian Nübling mit einem erlesenen vierköpfigen Frauenensemble, das immer wieder chorisch und choreografisch zusammenfindet. Auch machen Anastasia Grubareva, Svenja Liesau, Vidina Popov und Katja Riemann Musik. Sie bedienen jede einen Synthesizer, singen dazu eingängige Lieder oder schaffen intensive Sound-Cluster.

Das Stück mit dem Untertitel „Das Ende der Serie“ ist mit seinen Vorgängern mitgewachsen: Die Saga der Frau von heute begann jugendlich mit „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ („Deutschsprachiges Stück des Jahres 2014“), es folgten „Und dann kam Mirna“ und „Nach uns das All – Das innere Team kennt keine Pause“. Der finale „Text für eine oder mehrere F“ (Berg) zieht die Bilanz einer ganzen Generation im Neoliberalismus. »Ich hatte erwartet, dass mir in Erwartung des Todes das Unterbewusste faszinierende Bilder meines gelungenen Lebens zeigt. Und dass ich sie nur verdrängt hätte, die einzigartigen Momente voller Erfüllung, Liebe und Exotik. Aber was sich da einstellt, kann nur als unterdurchschnittlich bezeichnet werden. Immobilien und Kühlschränke, triste Reisen und die Abwesenheit von Liebe.« Ein aufrüttelndes Stück voller Sprachintelligenz, Haltung und Humor.

Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden

von Sibylle Berg / Uraufführung

Gorki Theater Berlin / Weiterspielen Productions


Mit 

Anastasia Gubareva

Svenja Liesau

Vidina Popov

Katja Riemann 


Regie Sebastian Nübling Bühne Magda Willi Kostüme Ursula Leuenberger Musik Lars Wittershagen & Ensemble Licht Gregor Roth Dramaturgie Valerie Göhring Fotos © David Baltzer / bildbuehne.de


Uraufführung am 24. Oktober 2020 am Gorki Theater Berlin

Gastspiel am 26. Mai 2021 in der Stadthalle Mülheim an der Ruhr im Rahmen der der 46. Mülheimer Theatertage »Stücke 2021«


Aufführungsdauer 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Aufführungsrechte: Rowohlt Theater Verlag, Hamburg


Weitere Mitwirkende der Originalproduktion:

Regieassistenz Sasha Davydova Bühnenbildassistenz Mila Mazić Kostümassistenz Franziska Müller Soufflage Mila Dimitrova-Loginovskih Inspizienz Janne Ganzer, Corinna Siewert-Scherzer Dramaturgiehospitanz Patrick Durdel Kostümhospitanz Joshua Rees Regiehospitanz Amira Demirkian  

Danke für nichts

von Sibylle Berg (2020)

Der erste Schock ist vorüber. Der Ausnahmezustand fast vorbei, der uns alle gelähmt hat. Uns mit glasigen Augen Gespräche mit unserer Hand hat führen lassen. Uns gezeigt hat, wie einfach es ist, all unsere gefühlte Wichtigkeit zu zermalmen. Zu unserem Besten. Die Zeit, die viele auch träumen lies. Von einer After-Corona Zeit voller glücklicher, diverser Radfahrender auf mautfreiem Asphalt.

Der Ausnahmezustand fast vorbei. Naja. Oder er wird uns von nun an für immer begleiten. Und nun ist die überraschende Neuigkeit: Die Menschheit macht weiter wie immer, nur in noch widerwärtiger.

Menschen, die dem Alter näher sind als der Jugend, wissen jetzt um ihren Wert in der schönen neuen neoliberalen Welt. Den gibt es nach meinem Erkenntnisstand nicht. Sprach man von Selektion, schrieben jüngere Menschen sofort Triage. Triage heißt das, und ist ein übliches Verfahren. Ja klar. Jeder der weiß wie Krankenkassen funktionieren, weiß um die Aufwand-Nutzen-Kosten-Berechnung, die unterdessen von unserem Freund der KI ausgeführt wird. Doch dass es im Kriegsfall, als der die Pandemie immer bezeichnet wurde, so offensichtlich wird, dass sterben kann, wer nicht mehr genug Nutzen verspricht, ist neu. Und dass die faschistische Berechnung von Lebenswert und Lebensunwert ohne großen Aufschrei der folgsamen Bevölkerungen propagiert wurde, ist ein triumphaler Sieg des neoliberalen Verwertbarkeitsgedankens. Selbst in der 3sat-Kulturzeit, die in einer vorherigen Sendung noch vor der neuen Akzeptanz von Brutalität und in Kauf genommener Euthanasie warnte, klang das plötzlich anders. Nun nach diesem Testlauf in Sachen Katastrophenbewältigung ist es keinem Menschen über 60 vorzuwerfen, dass er*sie Steuern hinterzieht, die Umwelt ruiniert, denn sie haben gelernt: They don’t give a fuck. Überleben wirst du nicht durch die Nachbar*innen, die eventuell für dich einkaufen, sondern nur mit Geld. Apropos Geld. Die beklatschten Pflegekräfte bekommen nicht das Doppelte oder Dreifache an Lohn, denn wir müssen jetzt erst einmal an die Autos denken. Und natürlich an die Wirtschaft. Die wird jetzt also wieder hochgefahren, mit dem Geld der Bürger, ohne Sinn und Verstand, die alten Industrien ohne Auflagen, also. Keine Verbannung von Benzinautos aus den Städten, statt derer elegante Elektrobusse kostenfrei rumkurven, sondern Prämien für den Autokauf. Alles wie gehabt. Die deutschen und schweizer Milliardärs-Familien hamstern weiter, buddeln an Cayman-Geld-Verstecken und herzlich willkommen in der Welt des neoliberalen Schwachsinns. In der Schweiz wird vermutlich die Swiss, also die Airline, die wie fast alle anderen Unternehmen in Steueroasen agiert, ohne alle ökologischen Auflagen gerettet. Dafür gibt es Entlassungen. So what. Die Märkte werden es richten. Warum sollten sich Unternehmen, die Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten, auch genieren, Steuergelder der Bevölkerungen einzusacken. Die es ja auch hätten schaffen können, Aktien zu erwerben. Also zum Beispiel, wenn sie als Pflegende arbeiten und den CEOs das Leben retten, die ihnen röchelnd einige gute Anlagetipps geben. Die Regierung hat mehr oder weniger einmal wieder Wort gehalten, also das Wort, das es nicht gibt. Den Ernstfall geprobt. Und siehe: es funktioniert. Das Militär steht parat, um Unruhen zu verhindern, Menschen in Panik sind super zu lenken, Menschen mit existentiellen Problemen tun alles, um schnell zu einem bräsigen Status Quo zurückzukehren. Versprich ihnen Fußball und Baumarkt, und schon wackeln sie glücklich lächelnd ins Morgenrot, über die Leichen der Schwachen. Auch eine gute Übung. Verzichtbar für die seligmachende Welt der Konsumentenfreiheit sind finanziell Schwache. Alte, Frauen, körperlich-geistig Beeinträchtigte, Obdachlose, Flüchtende. Aus dem Weg – da vorne ist der Baumarkt.


Pressestimmen

Kraftvoll und souverän reflektieren die Darstellerinnen über Geld und Gesundheitswesen, über Gefühle und geschlechtsspezifische Diskriminierung. […] Amüsante Choreographien lockern die raffiniert gestaffelte Polyphonie auf, es gibt alberne Momente wie zwischen Kindern, die sich necken, und eine witzige Saufnummer.

Frankfurter Allgemeine Zeitung


Aber trotz der Tiefschläge Sibylle Bergs gegen die Männerwelt – und erst recht trotz ihrer Schärfe und Rücksichtslosigkeit gegen die anpassungsfreudigen, pseudofeministischen, erfolgs- und konsumvergifteten Geschlechtsgenossinnen (was für ein Wort!) – machen diese Abende sehr viel Freude.

Berliner Zeitung


Neben den erfahrenen Gorki-Schauspielerinnen Anastasia Gubareva, Svenja Liesau und Vidina Popov spielt Katja Riemann eine der vier Patientinnen mit Amoklauf-Potenzial, und sie spielt ziemlich hinreißend. Zum einen, weil sie exakt so spielfreudig, uneitel und offensiv auftritt wie ihre Mitspielerinnen, zum anderen, weil sie auf jeden vordergründigen Star-Appeal verzichtet.

Süddeutsche Zeitung


Wie üblich bei Sibylle Berg funkelt der Text voller scharfzüngiger Bemerkungen und luzider Beobachtungen.

Das Kulturblog


Wie Pistolenschüsse pfeifen Pointen wie diese durch den Zuschauerraum: "Der Orgasmus unseres Erwachsenenlebens ist der Erwerb einer Immobilie." Darin sitzen die Frauen dann selbstredend bloß herum, während ihre Männer die Welt gestalten. Bei besonders gutsitzenden Pointen gibt es Szenenapplaus. Aber immer wieder auch für die tollen Spielerinnen. Für Svenja Liesau zum Beispiel, die in einem irrsinnig komischen Solo das gesamte Setting absurdum führt – eine Betrunkene mimt (oder nicht?), die ihren Text vergessen hat. Oder Katja Riemann, die manche Szene mit leicht schrundiger Ironie unterläuft.

nachtkritik


Und was für Spielerinnen! Anastasia Gubareva, Vidina Popov, Svenja Liesau und als prominenter Gast Katja Riemann stürzen sich mit geballter böser Freude auf Sibylle Bergs Welt- und Selbstekel, der im Detail so liebevoll treffend ausgemalt ist und aus dem es kein Entkommen gibt.

Theater heute 


Kurzbiografien

Anastasia Gubareva wurde 1982 in Moskau geboren und absolvierte ihre Ausbildung an der Folkwang-Hochschule Essen. Während ihres Studiums spielte sie am Schauspiel Essen in Produktionen wie „Fucking Amal“ oder „Der Held der westlichen Welt“. Seit 2009 war Anastasia Gubareva am Theater Bonn engagiert, zu sehen unter anderem in „Der Kirschgarten“, „Der zerbrochene Krug“, „Hamlet“ und „Die Ratten“. 2011 wird Anastasia Gubareva mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnern und Künstler ausgezeichnet. 2013 bis 2022 war sie festes Mitglied des Gorki-Ensembles. Dort war sie zu sehen beispielsweise in „Muttersprache Mameloschn“, „Berlin Oranienplatz“, „Slippery Slope“ in Regie von Yael Ronen (eingeladen zum Theatertreffen 2022), „Die Nacht von Lissabon“ in der Regie Hakan Savaş Mican, sowie in der Spielzeit 2025/26 in Hakan Savaş Micans Stück „Berlin Karl-Marx-Platz“ und Lena Braschs Inszenierung „East Side Story – A German Jewsical“. 


Svenja Liesau wurde 1989 in Magdeburg geboren und beendete 2013 ihre Schauspielausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Schon vor ihrem Studium war sie in ersten Engagements am Theater Magdeburg zu sehen, wo sie u.a. mit Jan Jochymski zusammenarbeitete. Schon 2013 wirkte sie am Maxim Gorki Theater, damals in Inszenierungen von Armin Petras und Jan Bosse. Von 2013 bis 2017 war sie Ensemblemitglied am Schauspiel Stuttgart. Von der Spielzeit 2017 bis 2022 war Svenja Liesau wieder festes Ensemblemitglied am Gorki. Dort arbeitete sie unter anderem mit den Regisseur*innen Yael Ronen, Sebastian Nübling, Christian Weise und Leonie Böhm zusammen. Seit der Spielzeit 2023/24 ist Svenja Liesau Mitglied im Ensemble des Deutschen Theaters Berlin, zu sehen etwa in „Der Menschenfeind“ und „Die drei Leben der Hannah Arendt“.


Vidina Popov, 1992 in Wien geboren, studiert nach ersten Bühnenerfahrungen am Wiener Volkstheater, von 2012 bis 2016 Schauspiel am Mozarteum in Salzburg. 2013 schreibt sie das Monolog-Stück „Ich bin Bulgare?!“, welches sie seitdem in zahlreichen Gastspielen präsentierte. Mit ihrem Jahrgang erhält sie beim Schauspielschultreffen 2015 den Ensemblepreis. Nach ihrem Studium besucht sie die Clownschule Philippe Gaulier in Paris. 2016/17 war sie Ensemblemitglied am Landestheater Niederösterreich. Zudem ist sie regelmäßig für Film und Fernsehen tätig: unter anderem neben Jürgen Tarrach in der weibliche Hauptrolle der ARD-Reihe „Der Lissabon Krimi“, „Das letzte Problem“ in der Regie von Karl Markovics, „Tatort Borowski“ in der Regie von Nicole Wegmann. Von 2018 bis 2024 war Vidina Popov festes Mitglied im Gorki-Ensemble. Dort arbeitete sie unter anderem mit den Regisseur*innen Sebastian Nübling, Yael Ronen, Marta Gornicka und Oliver Frljić und Lena Brasch zusammen. In der Kritiker*innenumfrage von Theater heute wurde sie mehrfach als beste Nachwuchsschauspielerin nominiert: für ihre Rollen in „Alles Schwindel“, „Und sicher ist mir die Welt verschwunden“ und „Slippery Slope“. 2023 erhielt sie den renommierten Gordana Kosanović-Schauspielerpreis.


Katja Riemann gehört seit dem Erfolg von „Abgeschminkt“ (1993), „Der bewegte Mann“ (1994) und „Stadtgespräch“ (1995) zu den wichtigsten deutschen Schauspielerinnen. Sie studierte an der Hochschule für Musik und Theater Hannover und an der Otto-Falckenberg-Schule München. Ihre Theaterlaufbahn begann 1987 als Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele und setzte sich am Schillertheater Berlin fort. Katja Riemann ist nach wie vor auch auf der Bühne zu Hause, „Hedda Gabler“, „Anna Karenina“ und „Drei Schwestern“ (alle von Amina Gusner inszeniert) sind die bekanntesten Inszenierungen der letzten Zeit.

Zu Katja Riemanns wichtigsten Fernseh- und Kinoproduktionen gehören „Ausgerechnet Sibirien“ (Regie: Ralf Huettner, 2012), „Die Fahnderin“ (Regie: Züli Aladağ, 2014), „Die Abhandene Welt“ (Regie: Margarethe von Trotta, 2015), die Verfilmung von Sarah Kuttners „Mängelexemplar“ (Regie: Laura Lackmann, 2016), „Der Andere – Eine Familiengeschichte“ (Regie: Feo Aladağ, 2016) sowie „Goliath 96“ (Regie: Marcus Richardt, 2019). Enfant Terrible (Regie Oskar Roehler, über Rainer Werner Fassbinder, 2020). Außerdem ist Katja Riemann als Musikerin sowie als Hörspielautorin und -produzentin aktiv. 2010 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. 

Am Gorki Theater Berlin spielte Katja Riemann außer in „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden“ auch in „Linkerhand“ in der Regie von Sebastian Baumgarten. Zuletzt war sie auf der Bühne zu sehen am Schauspiel Hannover („Ein wenig Licht. Und diese Ruhe.“, Regie Lena Brasch) sowie in „DI•VI•SI•ON“ am Renaissance Theater Berlin.

2024 und 2025 veröffentlichte sie die Bücher "Nebel und Feuer" und "Zeit der Zäune: Orte der Flucht".