Wind of Change
Zwach– Abelein

Theben wird gleich doppelt heimgesucht: Eine Pandemie und eine große Dürre bedrohen das Leben in der Stadt. Erwartungsvoll richten sich alle Augen auf den König, Ödipus, der Theben schon einmal retten konnte und es nun erneut vom Elend befreien soll. Doch nach und nach wird klar, dass Ödipus in Wirklichkeit die Wurzel des aktuellen Übels ist, was er selbst – stur, selbstgerecht und verblendet – als Allerletzter wahrhaben will. Sophokles' „Ödipus Tyrann“ erzählt von einem Menschen, der König sein will. Der auf der Suche nach Schuldigen für die epochale Krise sich selbst ausnimmt und so zum Tyrannen wird. Er wollte der Stadt Theben Klarheit bringen. Und hinterlässt ihr und seinen Töchtern Ismene und Antigone Zerstörung, Leid, Schmerz, tiefe Trauer. Und Wut.

Die preisgekrönte Zürcher Inszenierung von Nicolas Stemann (Gertrud-Eysoldt-Ring für beide Schauspielerinnen, Einladung zum Schweizer Theatertreffen) zieht um nach Wien und von da hinaus in die weite Theaterwelt – unter anderem zurück in ihr Ursprungsland.

Wind of Change

Ein Special über das unlustigste Thema der Welt

von Sabrina Zwach / Uraufführung

A-Z Productions Zürich / Weiterspielen


Mit Susanne Abelein

Regie Sabrina Zwach Kostüm Nic Tillein Sound Polina Lapkovskaja Licht Ueli Kappeler Produktionsleitung H&K BühnenGlück Produktionen (Manuela Hollenweger / Matthias Kreinz) Fotos © Niklaus Spoerri

Aufführungsdauer: 90 Minuten, keine Pause

Aufführungsrechte: S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

Uraufführung am 29. Mai 2026 in Fabriktheater Zürich (in Koproduktion mit dem Fabriktheater Rote Fabrik Zürich, Migros-Kulturprozent, Elisabeth Weber Stiftung, Kanton Zürich Kulturförderung/Swisslos, Ernst Göhner Stiftung)

Patrycia Ziółkowska und Alicia Aumüller antworten auf Fragen von Isabel Hemmel und Stefan Busz im Zürcher Tagesanzeiger (8.9.2022, wenige Tage vor der Premiere, Auszug)


Wie haben Sie sich dem Stück angenähert?


Patrycia Ziółkowska: Ich war in den Ferien in der Ägäis, auf der türkischen Seite, ich habe mir Troja angeschaut und Pergamon. Ich war sozusagen bei den alten Griechen und habe den Geist der griechischen Antike eingeatmet. Auf allen Wegen findet man Dinge, die zum Nachdenken über den Stoff animieren.


Und neben dem Stoff?


Ziółkowska: Die Arbeit an Sprache und Text ist nicht zu unterschätzen. Durch gedankliche Arbeit nähert man sich dem emotionalen Kern einer Figur, um sie zu erkennen und sichtbar machen zu können.


Was hat Ödipus mit uns zu tun?


Aumüller: Thema ist die individuelle und die kollektive Schuld. Und der Umgang damit. Es geht auch um die Verkettung von Generationen. Wo beginnt die Schuld? Wie weit geht sie zurück? Ödipus ist nicht allein. Im Endeffekt sind wir alle Kinder dieser Tragödie.


Inwiefern?


Aumüller: Der Stoff dieses 2000 Jahre alten Stücks ist grösser als das Einzelne. Nicht dass die Klimakatastrophe nicht gross wäre. Oder der Angriffskrieg in der Ukraine. Dieses Stück zeigt uns archaische Handlungsmuster auf, öffnet etwas, damit wir mehr sehen können.


Ziółkowska: Der Text ist ein Assoziationsraum. Er lädt ein zum Nachdenken. Wir spüren die Kraft dieser Sprache. Sie schafft Bilder und Gedanken, die zutiefst menschlich sind und uns alle angehen. In der Zeit, als das Stück entstand, war die Welt im Umbruch. Es herrschte die Pest. Wir fragen uns, an was hielten sich die Menschen damals? Und an was halten wir uns heute? Wer sind unsere Götter? Und was machen wir mit unserem Wissen?


Verdrängen wir zu viel?


Aumüller: Viele von uns haben gelernt, nicht hinzusehen, wenn etwas passiert. Oder nur halb hinzusehen. Oder wir gucken hin und haben das Gefühl, nichts ändern zu können.

Was lernen wir?


Ziółkowska: Meistens sind es Umwege, die zu anderen Erkenntnissen führen. Oder die Beschäftigung mit unseren eigenen Unzulänglichkeiten. Bei elementaren Dingen ringen Schauspielerinnen wie alle, wir haben den anderen nichts voraus.


Hat es heutzutage eine Bedeutung, wenn ein männerlastiges Stück von zwei Schauspielerinnen gespielt wird?


Aumüller: Wir mögen da, vom biologischen Geschlecht her, als zwei Frauen stehen. Im Endeffekt geht es ums Prinzip Mensch, das wir erkunden.


Ziółkowska: Ich glaube, Regisseur Nicolas Stemann fand es auch interessant, den Stoff eines männlichen Dichters, diese männlich geprägten Gedankenräume, mal von Frauen betreten und hinterfragen zu lassen – auch die rasche Abwesenheit der Frauenfigur im Stück. Iokaste, Ödipus’ Mutter und später Ehefrau, verabschiedet sich ja relativ bald …

Aumüller: … genau genommen, Ende dritter Akt.


Also geht es auch um die Sichtbarkeit von Frauen?


Ziółkowska: Wie Alicia schon gesagt hat, beim Spielen ist das alles nicht entscheidend. Es geht hier um den Menschen an sich. Egal ob Frau, Mann oder divers.


Aumüller: Die Frage nach dem Geschlecht der Darstellenden ist für mich in dieser Produktion wirklich nicht relevant. Ich möchte sie auch nicht relevant finden. Und natürlich, das hat schon Virginia Woolf in «A Room of One’s Own» geschrieben: Alle grossen Frauenfiguren der Theaterliteratur wurden von Männern erdacht und früher auch gespielt. Aber Woolf geht ja noch weiter und sagt, der optimale Geisteszustand, um schöpferisch zu sein, sei der androgyne Geist.


In letzter Zeit wurden viele Stimmen laut, die einen Strukturwandel im Theater fordern. Merkt man in Deutschland oder auch in der Schweiz etwas vom Aufbruch?


Aumüller: Im Bezug auf Geschlecht und Herkunft? Ja, da bewegt sich ganz viel.


Ist es unter diesen Vorzeichen nicht doch eine bewusste Entscheidung, zwei Frauen den «Ödipus» erzählen zu lassen?


Ziółkowska: Dass es wir beide sind, die auf der Bühne stehen, liegt auch daran, dass uns eine lange Arbeitsbeziehung mit Nicolas verbindet und sowohl Nicolas als auch wir beide Lust hatten, uns mit diesem Stoff auseinanderzusetzen. Das sind in diesem Fall wirklich keine programmatischen Gründe.


Aber geht das nicht ineinander über, weil nebenher auch noch ein Strukturwandel stattfindet?


Aumüller: Im besten Fall wärs doch so, dass die Gedankenräume mit einer grösseren Selbstverständlichkeit von verschiedenen Menschen betreten werden können. Theater ist Spiel. Und im besten Fall kann ganz selbstverständlich wechseln, wer welche Rolle spielt. Vielleicht sind wir gerade auf dem Weg dorthin.


Ziółkowska: Es gab immer wieder in der Vergangenheit auch weibliche Hamlets. Zum Beispiel die grosse Angela Winkler. Das sind künstlerische und zwischenmenschliche Entscheidungen. Zwei Kunstschaffende – Regie und Schauspielerin –, die gemeinsam einen Weg gehen.


Aber wenn es wirklich nur um den Kunstaspekt geht, hiesse das ja im Umkehrschluss, strukturell ist alles in Ordnung im Theater.


Ziółkowska: Natürlich nicht, darum ist viel in Bewegung. Das erfordert Mut, Geduld und Behutsamkeit. Immer, wenn sich was bewegt, melden sich auch radikale Stimmen, die sich dann zum Beispiel auf Social-Media-Kanälen irgendwelche Kämpfe liefern. Diese Art der Diskussion führt zu Ausschluss und Eskalation statt zu Deeskalation und einem Miteinander. Das trägt meines Erachtens nicht zum Strukturwandel und zur Veränderung bei. Man muss genau bleiben. Und ich finde es wichtig, dass sich etwas tut in den verkrusteten und patriarchalen Strukturen. Nicht nur im Theater.


Der «Ödipus» wurde für diese Inszenierung neu übersetzt. Auch ein Aufbruch.


Aumüller: Es ist etwas sehr Schönes, mit dieser neuen Übersetzung zu arbeiten, gerade weil sie voll im Versmass geblieben ist. Nicolas Stemann ist hochmusikalisch, er liebt es, zu komponieren, und der Text ist wie eine Partitur. Was uns dreien gleichermassen Freude bereitet. Der Text ist aber auch eine Einladung ans Publikum, sich mit einer 2000 Jahre alten Geschichte neu zu beschäftigen.


Pressestimmen

Während Susanne Abelein sich mit Pillen füttert, die Abfertigung der Gynäkologin illustriert und die, ähm, Vergesslichkeit mit zahllosen Fakten wie dem pharmakologischen Marktpotenzial kontert, changiert sie ihr Spiel genüsslich zwischen hektisch verpeilt, überfallartiger Weinerlichkeit, schroffem Gebell und demütig(end)em Bittgang, um dann gemäß langjähriger Konditioniertheit auch mal wieder zur Fassung zu gelangen. Klug, erhellend, witzig, politisch, notwendig und ebenso selbstbestimmt wie unterhaltsam. Ernsthaft.

ps-Zeitung

Kurzbiografien

Susanne Abelein arbeitet als Performerin, Schauspielerin, Performance-Macherin in Zürich, Hannover, Berlin. Sie diplomierte 1996 an der Universität Hildesheim im Studiengang Kulturwissenschaft und ästhetische Praxis. Ab 1990 Theaterschaffende/ Schauspielerin/ Performerin/ in Freien Gruppen und an Häusern. Kollaborative Theater-Projekt-Arbeit von der Konzeption bis zur Performance bilden den Schwerpunkt. Einladungen zum Impulse Festival mit Theater Mahagoni/ Theaterhaus Jena, Luzerner Theater und CapriConnection. Biennale Venedig mit CapriConnection, 1999–03 Mitglied im Ensemble des Luzerner Theaters unter Barbara Mundel. 2003–06 Ensemblemitglied am Theater Basel unter Lars Ole Walburg. Arbeiten u.a. mit René Pollesch, Sebastian Nübling. 2006–20 CapriConnection (Basel, Zürich). 2010–14 Regisseurin beim transkulturellen Basler Theaterprojekt «fremd?!». 2011–14 Sprecherin bei Radio DRS 2. Arbeiten mit Marcel Schwald (Basel), 2015 Arbeit mit Patrick Frank (Donaueschinger Musiktage), 2018–25 OH!Darling mit Anne Andresen (Zürich). Ab 2018 Arbeiten mit Georg Scharegg (TD Berlin, Theater Chur) seit 2008 Arbeiten mit Ulrike Willberg, AWP- Agentur für Weltverbesserungspläne (Hannover), seit 2021 Arbeiten mit Tim Zulauf/KMUProduktionen (Zürich), 2023 Arbeit mit Kiel/Meppelink (Ballhaus Ost, Berlin), 2017–20 t.Zürch Vorsitz, Mitinitiatorin von «FairSpec». Susanne Abelein lebt in Zürich.


Sabrina Zwach studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Uni Hildesheim und arbeitete zunächst als Dramaturgin und Regisseurin in der Freien Szene. Dies brachte ihr u.a. die Freundschaft mit Susanne Abelein und den «Deutschen Literatur- Theaterpreis» 1994 ein. 1999 kuratierte sie ein Programmsegment für «Weimar 1999 – Kulturstadt Europas». Im Auftrag der Bundesregierung kuratierte sie das 5. Festival «Politik im Freien Theater» 2005 in Berlin. Von 2008–2011 arbeitete sie unter Frank Castorf in der künstlerischen Leitung an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Parallel zeichnet sie für die Fassungen und Bearbeitungen, Neuübersetzungen der Stücke der Inszenierungen von Herbert Fritsch verantwortlich. Im Berliner Ensemble arbeitete Sabrina Zwach als Dramaturgin, war dann in der künstlerischen Leitung des Burgtheaters und ist nun wieder als freie Autorin und Dramaturgin tätig. Sabrina Zwach schreibt für Theater und Fernsehen. Ab der Spielzeit 2027/28 wird sie stellvertretende Intendantin am Schauspielhaus Bochum. Sie lebt in Berlin.


Polina Lapkovskaja, geboren in Minsk, lebt und arbeitet als Musikerin, Komponistin, Performerin und Kuratorin in München. Ihre musikalische Laufbahn begann mit klassischer Klavierausbildung und Solo-Konzerten im In- und Ausland. Nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland studierte sie Jazz, Komposition und Kontrabass am Richard-Strauss-Konservatorium in München. Als Sängerin und Mitgründerin der Band Pollyester veröffentlichte sie mehrere international  beachtete Alben und tourte ausgiebig durch Europa, die USA und Asien. Parallel dazu entwickelte sie sich zu einer gefragten Komponistin und musikalischen Leiterin für Theater, Performance und Audio/Video-Projekte. Neben ihrer Theaterarbeit initiiert Lapkovskaja genreübergreifende Projekte. Für ihr innovatives musikalisches Schaffen wurde sie mit dem Förderpreis Musik der Landeshauptstadt München ausgezeichnet. Ihre künstlerische Praxis bewegt sich mit grosser Selbstverständlichkeit zwischen Clubkultur, Hochkultur und subversiver Pop-Avantgarde – immer auf der Suche nach neuen Formen der kollektiven Resonanz.


Nic Tillein studierte Modedesign an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel sowie Szenografie an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich und ist seit 2003 als freischaffende Kostüm- und Bühnenbildnerin tätig. Sie ist Mitbegründerin und Co-Leiterin der Gruppe kraut_produktion um Michel Schröder. Eine rege Zusammenarbeit verbindet sie in der freien CH-Szene unter anderen mit Nils Torpus, Marisa Godoy und Phil Hayes (Gessnerallee ZH, Rote Fabrik ZH, Theater Marie, Bühnen Aarau), sowie mit Max Merker und Anna Sophie Mahler am Stadttheater (Zürich, St. Gallen, Konstanz, Solothurn) und an Opernhäusern (München, Freiburg, Bern). Ihre Arbeit wurde schon mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Werkjahrespreis des Kantons Solothurn, einem Werkstipendium der Stadt Zürich und einer Auszeichnung im Rahmen des Designpreises Schweiz.